Analyse Deutsche Telekom - E-Mail vom 21.03.2007
Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich in meiner Analyse von "Schwäche" oder von "Fehler" sprechen sollte. Eine "Schwäche" ist irgendwie nett und vielleicht verzeihlich - aber so war es ja gar nicht in der Auseinandersetzung bei der Telekom. Deswegen bin ich bei Fehler geblieben und hatte dem ganzen auch noch den hochtrabenden Titel "Pfad der 13. Fehler" gegeben, da ich bei 13. aufgehört habe. Schlussendlich habe ich alles so belassen - mal schauen, was und ob was passiert. *lach*
Dann habe ich mir noch Gedanken gemacht, welche Alternativen Herr Obermann gehabt hätte - siehe hier!
So steht es in der E-Mail von Herrn Obermann ....
Das ist meine Analyse ....
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Fehler 1: Die E-Mail des T-Com Technikers wählt die Begrüßung „Sehr geehrte“ - Herr Obermann kreuzt diese Anrede, er versucht sich so auf eine Ebene mit den MitarbeiterInnen zu bringen. Wenigstens für diese Situation soll die Hierarchie außer Kraft gesetzt werden. Das führt mit Sicherheit zu merkwürdigen Gefühlen bei den MitarbeiterInnen und dürfte die Position des Herrn Obermann schwächen.
Das Lesen und Verstehen des nachfolgenden Textes ist „belastet (kontaminiert)“!
über die neue Strategie und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wurde in den vergangenen Wochen sehr intensiv diskutiert.
Fehler 2: Herr Obermann verzichtet in dem das Thema eröffnenden Satz auf ein Pronomen. Wer „diskutiert“ da eigentlich? Wer diskutiert „intensiv“? Außerdem wechselt Herr Obermann in das Passiv (es wurde diskutiert) – statt beispielsweise dort weiterzumachen, wo er mit der Anrede begonnen hatte. Beispiel: wir haben sehr intensiv diskutiert.
Fehler 3: Nicht die „Diskussion“ ist das Thema, sondern erstens die „neue Strategie“ und zweitens die „daraus abgeleiteten Maßnahmen“.
Beide Adjektive machen klar, hier ist nichts mehr in der Planung, nichts mehr in der Überlegung, hier ist auch nichts mehr korrigierbar, hier ist jedenfalls von der Sprache her alles entschieden. Schade!
Nicht zuletzt macht sich das bemerkbar in den zahlreichen kritischen Mails, die meine Vorstandskollegen und ich erhalten haben.
Fehler 4: Was sagt der erste Satzteil aus? Nichts mit Substanz! Die Substanz und eigentliche Brisanz versteckt sich in dem zweiten Teil. Hier wird klar, dass der Vorstand einbezogen ist.
Im Moment wird sehr heftig über einen Brief diskutiert, der von einem T-Com Mitarbeiter aus Berlin verfasst und öffentlich gemacht wurde.
Fehler 5: Vermischung, über was eigentlich „diskutiert“ wird. Nun ist es ein Brief (Fehler 6), der möglicherweise nicht zu den „zahlreichen kritischen Mails“ gehört, über die vorher geschrieben wurde. Wird versucht, der E-Mail des T-Com Mitarbeiters eine andere Qualität zu geben, zu der dann auch gehört, dass man hier die Spielregeln verletzt sieht?
Vielfach geht es in diesen Äußerungen nicht nur um Sachargumente oder um Fakten, sondern darum, der Verärgerung über die geplanten Veränderungen Luft zu machen.
Fehler 7: Unklarheit, worauf sich „Äußerungen“ bezieht? Werden die „zahlreichen kritischen Mails“ gemeint, werden die Äußerungen in den Diskussionen gemeint, ist der „Brief“ gemeint“?
Was auch immer, Herr Obermann legt oberlehrerhaft fest, was die Mehrzahl der Äußerungen für ihn sind: Ventil! Ist das nun aufrichtig gemeintes Verständnis oder ein freundlicher Hinweis nach dem Motto: nun plustert euch man nicht so auf!
Man kann sich nicht entscheiden, gerade nach dem, wie bisher sprachlich vorgegangen wurde – und das ist sehr unglücklich für die gesamte Situation!
Nur am Rande noch zwei Beobachtungen: was ist der Unterschied zwischen Argument und Sachargument (Achtung, letzteres macht mehr Eindruck!). Die „Veränderung“ sind „geplant“, Ende und aus!
Mir ist es wichtig, dass Sie meine Sicht der Dinge kennen.
Fehler 8: Überraschender Wechsel der Perspektive.
Wie aus heiterem Himmel taucht Herr Obermann selbst auf, indem er seine Motivation für diese E-Mail beschreibt. Er will nichts erklären, erläutern, sich rechtfertigen oder begreiflich machen! Nein, seine Sicht der Dinge – das nennt man auch „die Auseinandersetzung annehmen“, eine Tugend, die zu Managern gehört.
Und was sollen die „lieben Kolleginnen und Kollegen“ damit anfangen? Sie sollen die Sichtweise „kennen“, also nicht verstehen, begreifen, nachvollziehen! Sie sollen – jawohl – zur Kenntnis nehmen! Verhandlungen und auch Kompromisse werden in der Regel anders vorbereitet.
Eines vorweg: Kritik ist stets willkommen und sei sie noch so kontrovers.
Fehler 9: Überraschender Wechsel im Duktus, in der Organisation der E-Mail. Statt nun nach der Einleitung zu beginnen, wird noch ein vorbereitender Schritt angekündigt, das ist einfach zuviel!
Da es um eine sehr sensible E-Mail geht, die quasi auf einem Vulkan zu tanzen scheint, sind Menschen (!) immer ins Spiel zu bringen (Fehler 10). Wem ist die Kritik willkommen – uns im Vorstand oder mir als Herr Obermann! Inzwischen kann man von einem „Stil-Zug“ sprechen, denn oben fiel das Fehlen einer Person ebenfalls unangenehm auf (siehe Fehler 2).
Dann wird ein oft negativ besetztes (konnotiertes) Wort verwendet: Kritik. Kritik hat in diesem Zusammenhang üblicherweise die Eigenschaft, mit etwas nicht einverstanden zu sein! Dieses dann „noch“ kommentieren zu müssen, ist dann der Fehler 11! Die Art und Weise zähle ich jetzt gleich dazu.
Vor der Beleidigungsgrenze sollten wir aber halt machen.
Nun wird es ein wenig ruppig: was ist bei einer Beleidigung die Grenze und wer legt sie fest? Die im Hintergrund wartende Redewendung lautet: das grenzt an Beleidigung! Und daraus wird in deutscher Tradition das Kompositum „Beleidigung(s)+Grenze“. (Fehler 12)
Mit dem Konjunktiv, der sich in dem „sollten“ verbirgt, wird allerdings impliziert, dass eben diese Grenze schon überschritten wurde – was natürlich gar nicht nett ist (siehe die Verwendung von „aber“) und vielleicht sogar mit einem Zeigefinger (du-du) unterstrichen wird.
Diese Grenze wurde in den jüngsten Briefen mehrfach überschritten.
Eben wurde es geschrieben, die Grenze ist ja längst überschritten, aber es muss aus gegebenem Anlaß nochmal hervorgehoben werden (Fehler 13).
Als „Brief“ wurde in dieser E-Mail das Schreiben des T-Com Mitarbeiter bezeichnet, die „zahlreichen, kritischen“ Schreiben wurden als „Mails“ bezeichnet. Gerade in einer E-Mail, die ausgleichen soll – was diese nicht tut - und verschickt von einer Führungskraft, dürfen solche Sachen nicht passieren. Passieren sie aber, dann zeigt das die herrschende Dialog-Kultur und das kann den Schritt nach draußen motivieren.
Wie schrieb der Mitarbeiter in seiner E-Mail: durch Ihre wiederholten Mitarbeiterbriefe verschiedenen (und letztlich doch gleichen) Inhalts haben Sie mich zum Schreiben dieses Briefes motiviert.
In eigener Sache:
Selbstverständlich ist meine Analyse eine so genannte “Quick and Dirty” / “schnell und schmutzig” Version, die eine sorgfältige Überarbeitung gut vertragen könnte: das Bild würde noch schärfer und kritischer ausfallen.
Gleichzeitig möchte ich klar stellen, dass ich niemanden und kein Unternehmen persönlich angreife noch die Absicht habe, anzugreifen. Diese E-Mail von Herrn Obermann ist für mich ein Beispiel, wie es in den (deutschen) Unternehmen mit der Dialog-Kultur bestellt ist, gerade was die E-Mail angeht - und warum E-MailKnigge.de eben nicht einfach nur ein paar “Regeln” rausgeben kann. Mit ein paar “Regeln” wird nichts, aber wirklich gar nichts geregelt!
Ich freue mich auf Rückmeldungen, Stellungnahmen, Kritik und Anregungen von Ihnen, die Sie bis an diese Stelle dem Pfad der 13-Fehler gefolgt sind.
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Danke!